Steinfurt-Marathon 1995 - ein Protokoll, fast aus dem Gedächtnis

Von Jürgen Korvin

 

Samstag, der 18. März 1995, Steinfurt-Marathon. Dies sollte mein vierzehnter Marathon wer­den, der siebte in Steinfurt. Ich laufe gerne in Steinfurt, es gibt viele gute Gründe dafür, der Termin im Frühjahr, die Landschaft, die Organisation, der Kurs von drei Runden a 14 km (ich kenne jeden Meter), die nicht zu kleine, aber überschaubare Teilnehmerzahl von ca. 1000, die Nähe zu Hamm, also eine kurze, stressfreie Anfahrt.

 

Ich hatte gut trainiert, im Januar 263,3 km, im Februar 353,8 km, die Hammer Laufserie als Durchgang zum Marathon gelaufen, insgesamt 4 lange Läufe über 30 km. Im Anschluss an die Serie kam noch eine Woche mit 110,6 km als Trainingshöhepunkt. Das allergische Asthma ließ mich - im wesentlichen - in Ruhe.

 

Im Herbst letzten Jahres war ich in Essen mit 3:09:00 Std. Bestzeit gelaufen. In Steinfurt woll­te ich - zusammen mit Michael Westerhoff, der wie ich in Hamm wohnt - einen km-Schnitt von 4:27 Min. angehen, also ei­ne Endzeit von 3:07:46 Std. Dies hätte eine Verbesserung von 74 Sekunden bedeutet. Für Michael wäre es eine noch deutlichere Steigerung gewesen. Und im Hinterkopf hatte ich die Bestzeit von Volker Pirsich mit 3:08:04 Std. Volker läuft für LAZ Hamm, ist der Leiter der Hammer Stadtbücherei, und ich singe mit ihm zusammen in der Paulus-Kantorei in Hamm. Wir tauschen uns – wie sollte es anders sein – gelegentlich über das Laufen aus.

 

Der Wetterbericht sagte gelegentliche Schauer voraus und - was viel beunruhigender war - ,,starken, in Schauernähe böigen Wind".

 

Udo Koller komplettierte die Hammer Abteilung der Lauffreunde Bönen. Er wollte seine Essener Zeit von 3:23 Std. verbessern und ebenfalls eine neue Bestzeit angehen.

 

Nach unserer Ankunft in Steinfurt, so gegen 12 Uhr, fuhren wir zunächst die Verpflegungssta­tionen an, um für Michael und mich Eigenverpflegung zu deponieren. Wir kommen mit den gebräuchlichen Bechern und Getränken nicht zu recht und versorgen uns – dort wo es geht – lieber selbst.

 

Dann ging es zur Graf-Ludwig-Schule, gegenüber der Fachhochschule Steinfurt, um die Startunterlagen abzuholen. Ich hatte die Startnummer 585. Die Sporttaschen wurden in einem Klassenraum deponiert.

 

Irgendwann trafen wir dann die Bönener Lauffreunde Karl-Heinz Brock, Hans Fabian und Eckehart Kotulla. Hans und Karl-Heinz wollten wohl gemeinsam die 3-Stunden-Grenze knacken und Eckehart zusammen mit Udo so um die 3:20 Std. laufen. Die Stimmung war - noch - locker. Fotos wurden geschossen. Dann gingen wir wieder auseinander.

 

Es kamen die üblichen Startvorbereitungen, Kleidung herrichten, Startnummer befestigen, empfindliche Körperteile eincremen, etwas trinken, noch einmal der Gang zur Toilette. Michael wollte mit einem Nasenspray noch einmal versuchen, die erkältungsgeschädigte Nase frei zu machen. Nach unserem letzten 30-km-Trainingslauf hatte ihn eine Erkältung erwischt. Ich nahm mein Asthmaspray. Im Treppenhaus der Graf-Ludwig-Schule machten wir unsere Dehnungsübungen.

 

Willi Schuler, mit dem ich lange Büro an Büro gesessen habe, lief uns über den Weg. Er war als Zuschauer da und wollte den Fotodienst auf der Strecke (auch für uns) überneh­men. Er erzählte von einer Marathon-Debütantin seines Lauftreffs, die trotz noch nicht ganz abgeklungener Erklärung an den Start gehen wollte.

 

Zwischendurch gab es einen kräftigen Schauer, aber die Wolken verzogen sich schnell wieder. Die Temperaturen waren mit rund 10 Grad ideal. Nur der Wind ließ nicht nach, dieser Wind....

 

Kurz vor 14 Uhr suchten Michael und ich unseren Platz im tausendköpfigen Starterfeld. Wir orientierten uns - natürlich nur bei der Startaufstellung - an der Gruppe der 3-Stunden-Läufer. Hans und Karl-Heinz standen irgendwo vor uns in dieser Gruppe und Eckehart und Udo in der Gruppe der 3:15-Stunden-Läufer. Ich ging kurz nach hinten zu ihnen, um ihnen viel Erfolg zu wünschen. Als ich zurückkam, hatte Michael gerade Karl-Heinz und Hans ent­deckt. Auch mit ihnen wechselten wir noch einige Worte.

 

Um uns herum sahen wir fast nur unbekannte Gesichter. Ich habe nur wenige Bekannte getrof­fen, eine Truppe vom TV Unna mit Dieter Ziems. Auch Dieter klagte über eine Erkältung. Bekannte Größen waren nicht am Start, oder doch? Denn beim Warmlaufen sah ich Birgit Lennartz, die Ultra-Spezialistin, die offensichtlich wie ich gern in Steinfurt läuft. Aufgefallen sind mir noch Rita Lanwer aus Münster, die ich später noch wiedersehen sollte, und Josef Hagemann aus Nordkirchen, zwei regionale Marathon-Größen. Ansonsten merkte man an Sprache und Trikots, dass offensichtlich viele Läuferinnen und Läu­fer aus dem nahen Holland am Start waren.

 

Michael machte kurz vor dem Start einen nervösen, unruhigen Eindruck. Er hatte heute schon zwei Mal das Reizwort Erkältung gehört. Vielleicht machte er sich Gedanken. Wie ich gewirkt habe, müssten mir schon andere sagen, ich weiß es nicht. Wenige Sekunden nach 14 Uhr ging es dann los. Die Startverzögerung von 8 Sekunden war nahezu ein Nichts. Den ersten Kilome­ter stoppten wir mit 4:26 Min., netto also mit 4:18 Min. Das war zu schnell, gleichwohl liefen wir den nächsten Kilometer mit 4:12 Min. noch schneller, trotz Gegenwind, aber mit leichtem Gefälle. Erst dann waren wir in der Lage, dass Tempo einigermaßen zu kontrollieren.

 

Zwischen Kilometer 4 und 5 zogen dunkle Wolken über uns hinweg, es fielen aber nur wenige Tropfen Regen. Der Wind kam von links, wurde aber durch Bäume und Büsche erheblich ab­geschwächt. Noch war er erträglich. Bei Kilometer 5 ging es für ein kurzes Stück voll in den Wind, bis zum Wald von Loreto mit der langgezogen ersten Verpflegungsstation. Wasser, Gatorade, Tee und Schwämme und später auch Obst waren im Angebot, aber wir hatten ja unse­re Eigenverpflegung. Die Steinfurter Verpflegungsstationen sind personell immer gut besetzt, manchmal sogar zu gut. Die in Fülle hingereichten Becher waren gelegentlich störend, wir wurden - in guter Absicht - nahezu bedrängt.

 

Bis Kilometer 7 zog sich dann der windigste Streckenabschnitt hin, über einen Kilometer hat­ten wir starken Gegenwind, aber noch hatten wir die Kraft für eine km-Zeit von 4:27 Min.

 

Richtig im Rennen war ich noch nicht. Das rechte Schienbein schmerzte leicht, der Schritt war schwer, ich fühlte das nicht nur, sondern hörte es auch am Laufgeräusch. Erst auf der dann folgenden Rückenwindstrecke wurde ich etwas lockerer, aber richtig wohl habe ich mich den ganzen Lauf über nie gefühlt.

 

Bei Kilometer 10, kurz vor der zweiten Verpflegungsstation stand rechts Willi Schuler, den Fotoapparat auf uns gerichtet. Nachdem wir uns dann die Getränkeflaschen gegriffen hatten, ereilte Michael ein Missgeschick, er musste anhalten und ein Schuhband neu binden. Irgendwie hatten wir eine solche Situation zwar erwartet, aber dummerweise nicht besprochen. Er hat sehr schnell wieder aufgeholt, wahrscheinlich zu schnell. Es wäre sicherlich besser gewesen, die Lücke zwischen uns nur langsam zu schließen.

 

Bei Kilometer 12 gab es dann wieder Gegenwind, aber nur auf einem kurzen Stück. Beim Einbiegen auf die zum Radweg umgebaute Bahnstrecke, ca. 2 km vor dem Ende der ersten Runde, stand Jörg Foest aus Werne, der uns auf seine freundliche Art aufmunterte. Hier bekamen wir wieder Rückenwind, dessen Stärke uns abzuschätzen ein Windrad half, das links des We­ges stand und sich kräftig drehte. Auf diesem Stück bis zum Start-Ziel-Bereich versteckt sich auch eine Steigung von 11 Höhenmetern, eine zu vernachlässigende Größe zu diesem Zeit­punkt, dachte ich, erst recht bei Rückenwind.

 

Im Start-Ziel-Bereich, bei Kilometer 14, sahen wir dann ein weiteres bekanntes Gesicht im Pu­blikum. Wir hatten kurzen Blickkontakt mit Hans Linnenlücke, ein guter 5.000 m-Läufer aus Hamm, der offenbar über­rascht war, uns hier zu sehen.

 

An der dann folgenden Verpflegungsstation ereilte Michael sein zweites Missgeschick. Er konnte seine Getränkeflasche nicht richtig greifen. Sie fiel mir vor die Füße, ich hob sie auf, ohne abstoppen zu müssen.

 

Bei Kilometer 16 kamen wir wieder voll in den Wind. Die folgenden km-Zeiten waren sehr unregelmäßig (4:29, 4:18, 4:31 Min.). In diesem Bereich, bei Kilometer 17, hatten wir auch unsere größte - positive - Distanz zur Richtzeit, nämlich 42 Sekunden. Von da an ging's berg­ab. Kilometer 19: Michael überlief fast einen Videofilmer, der mitten auf der Straße hockte. Er ärgerte sich fürchterlich. Bei der Verpflegungsstation im Loreto-Wald hatte ich das Gefühl, dass Michael das Getränk nicht gut vertrug. Er hatte offensichtlich Schwierigkeiten. Hart wur­de dann der windige Kilometer 21, mit einer Zeit von 4:44 Min. ging er an meine Substanz, und bei Michael wahrscheinlich auch.

 

Vom Gefühl her war die zweite Runde für mich die schlimmste, und für Michael wohl erst recht. Das Ziel war noch so weit weg und der Wind nahm uns die Kraft. Aber die Halbmarathon-Zeit war mit 1:33:06 Std. nur 18 Sekunden langsamer als beim Halbmarathon in der Hammer Laufserie, auch wenn ich diesen nicht voll gelaufen bin. Gleichwohl, wir liefen an der Grenze. Soviel wie heute haben Michael und ich noch nie geschwiegen beim Laufen, kein gutes Zeichen. Negative Gedanken machten sich breit. Für mich stand zu diesem Zeitpunkt nahezu fest: ,,Dies ist dein letzter Marathon, den Du auf Tempo läufst".

 

Wir erreichten die Verpflegungsstation bei Kilometer 25. Michael trank nichts, seine Schwie­rigkeiten nahmen wohl zu. Wir kamen wieder in den Gegenwind. Michael konnte kaum die Li­nie halten. Bei Kilometer 26 ging es erneut auf die Bahntrasse. Das Windrad kam ins Blick­feld. Michael atmete schwer, viel schwerer als ich. Wir waren noch näher an der Grenze, ich diesseits, er wahrscheinlich jenseits.

 

Bei Kilometer 27 ließ er mich ziehen. Kurz danach stand rechts Willi Schuler. Er hatte den Standort gewechselt. Ich hörte seinen Fotoapparat klicken und dachte daran, dass ich jetzt nur noch allein auf dem Foto sei. Das Foto hängt jetzt in meinem Büro. Michael ist doch noch darauf zu sehen, am linken Bildrand, ca. 100 m hinter mir.

 

Ich blickte mich noch ein paar Mal um, sah Michael aber nicht mehr. An der Kreuzung vor der Verpflegungsstation an der Fachhochschule - beim Einstieg in die dritte Runde - hörte ich noch eine Frau rufen: ,,Da kommt Michael". Ich wusste nicht, wer gemeint war, mir fiel nur ein, dass Michael Bekannte in Steinfurt hat. Erst im Ziel erfuhr ich dann, dass er ausgestiegen war.

 

Mit schweren Beinen ging es in die dritte Runde. Eine Bestzeit war gedanklich abgehakt. Der Kilometer 29 mit der Verpflegungsstation dauerte 4:34 Minuten. Aber am Ende dieses Kilo­meters sah ich vor mir Rita Lanwer, eine Marathonläuferin der oberen Mittelklasse in der Altersklasse W 35 in Deutschland, sonst 10 Minuten schneller als ich. Sie hatte offensichtlich massive Probleme. Ich versuchte, den Abstand zu ihr zu verkleinern. Und es gelang, bei Kilometer 32 hatte ich sie überholt und den kleinen Wettkampf gewonnen, von dem Rita Lanwer nichts gemerkt hat.

 

Mir haben diese kleinen persönlichen Zweikampfe in der Vergangen­heit schon oft geholfen, und er half mir auch heute. Nach Kilometer 33 ging es wieder in den Wind, aber nur kurz. Die Verpflegung im Loreto-Wald ließ ich aus, konzentrierte mich voll auf das folgende Teilstück im Wind. Und siehe da, der Wind war zwar noch präsent, hatte aber nachgelassen. Mit 4:41 Min. war ich um drei Sekunden schneller als in der zweiten Runde.

 

Ich griff dann zu dem mentalen Kniff, der mir schon in mehreren Marathonläufen weitergehol­fen hat. Meine Richtzeit von 4:27 Min. pro Kilometer war auf eine Verbesserung der persönli­chen Bestzeit um 74 Sekunden ausgerichtet gewesen. Bei Kilometer 35 hatte ich davon 18 Sekunden verspielt, hielt also noch 56 Sekunden. Ich rechnete: ,,Pro Kilometer kannst Du 8 Sekunden auf die Kilometerzeit von 4:27 Min. zubuttern, und Du bist genauso schnell wie in Essen im letzten Jahr. Bei Kilometer 37 war das Guthaben auf 48 Sekunden geschmolzen, die Kilometerreserve jedoch auf fast 10 Sekunden angestiegen. Irgendwo in diesem Bereich habe ich noch einen Unnaer Lauffreund überholt, der sonst besser ist als ich, viel besser. Sein Name ist mir entfallen.

 

Nach dem vierzigsten Kilometer war dann endgültig der Gegenwind aus dem Rennen, auch wenn mich dieser Kilometer noch einmal 4:40 Min. gekostet hat. Ich hatte noch 26 Sekunden Reserve. Das sollte reichen, trotz schmerzender Oberschenkel. Windunterstützte 4:32 Min. und 4:38 Min. für die Kilometer 41 und 42 konnten das Polster nicht ganz aufbrauchen. In der Wohnsiedlung vor dem Ziel kamen mir einige Läufer entgegen, die sich ausliefen. Auslaufen nach einem Marathon, dies ist für mich eine nicht vorstellbare Situation. Ich konzentrierte mich auf den Zieleinlauf, dachte an Willi Schuler, den ich auf seinem Stammplatz auf der quer zum Ziel verlaufenden Mauer vermutete. Für die letzten 195 Meter brauchte ich noch einmal 51,4 Sekunden. Hochgerechnet entsprach dies einer km-Zeit von 4:23 Min., aber einen Kilometer hätte ich das Tempo auf keinen Fall gehalten. Von Spurt mag ich gar nicht reden.

 

100 m vor dem Ziel sah ich Michael links am Straßenrand. Er rief mir zu: ,,Lauf, Du schaffst noch die Bestzeit". Aber das wusste ich zu diesem Zeitpunkt schon.

 

Im Zielbereich stand Ernst Römer, der Organisator des Steinfurt-Marathon, und hielt Rosen für die ankommenden Läuferinnen bereit. Er lächelte mir zu, schien mich als Steinfurter Stammläufer zu erkennen.

 

Auf der Ziellinie stoppte ich die Zeit und blieb stehen. Von einer Sekunde auf die andere ver­krampften die Beinmuskeln. Aber wahrscheinlich waren sie schon vorher verkrampft, nur ich merkte es erst jetzt so richtig. Kurz hinter dem Ziel traf ich auf Dieter Ziems, schon im Trai­ningsanzug. Obwohl er offensichtlich ausgestiegen, freute er sich riesig, mich zu sehen.

 

Meine Uhr war bei 3:08:49 Std. stehen geblieben, eine Verbesserung um 11 Sekunden, oder anders gerechnet, 41 Meter Vorsprung vor Essen im Oktober 1994. Erst jetzt kam kurz das Gefühl auf, das für mich den Marathonlauf laufenswert macht, die Euphorie, die ich 1994 in Essen schon bei Kilometer 25 verspürte und 1993 ebenfalls in Essen, in der Spitzkehre bei Kilometer 37. Euphorie heißt für mich auch, dass ich Tränen in den Augen habe.

 

Ich suchte den Kontakt zu Michael, um mir den Druck von der Seele zu reden, der sich die letzten Kilometer irgendwie aufgebaut hatte, und um zu hören, was mit ihm war. Erste In­formationen wurden ausgetauscht. Ich erfuhr, dass er erhebliche Luftprobleme gehabt hatte und Seitenstiche, die er nicht unter Kontrolle hatte bringen können. Die Erkältung hatte ihren Tribut gefordert. Es hat leider nicht sein sollen.

Dann ging ich zur Massage. Ich traf im DRK-Zelt wieder die junge DRK-Helferin, die nur ei­nen Arm hatte, und die ich schon vom letzten Jahr her kannte. Diesmal wurde sie jedoch schnell von einem jungen Mann mit holländischem Akzent abgelöst, der sich rund eine viertel Stunde um mich kümmerte, offensichtlich ein ausgebildeter Physiotherapeut.

 

In der Umkleide saß schon Udo Koller. Unterwegs hatte ich nicht viel Gelegenheit, an ihn zu denken. Er schien sehr zufrieden zu sein, hatte 3:16 Std. gebraucht, also auch eine neue Bestzeit erreicht. Irgendwann in den nächsten Minuten erwischte ihn dann aber sein altes Übel nach Marathonläufen, ihm wurde schlecht, und die Übelkeit quälte ihn noch auf der Rückfahrt. Vielleicht sollte er wie ich einmal Eigenverpflegung ausprobieren.

 

Die anderen Bönener Lauffreunde habe ich nicht mehr gesehen. Die Nachrichten, die Michael mitbrachte, waren sehr unterschiedlich. Karl-Heinz Brock hat mit 2:58:06 Minuten eine absolute Spitzenzeit hingelegt. Hans Fabian litt unter erheblichen asthmatischen Beschwerden und konnte mit Karl-Heinz nicht mithalten, war aber mit 3:06 Std. immer noch schneller als ich. Und Eckehart Kotulla (3:17 Std.) musste Udo irgendwann auf der Strecke ebenfalls davonziehen lassen. Ein Steinchen im Schuh zwang ihn, den Lauf zu unterbrechen. Und die Lücke zu Udo war nicht mehr zu schließen.

 

Ich realisierte erst bei der Auswertung des Laufes, dass ich nicht nur eine neue Marathon-Bestzeit gelaufen bin. Mit der 25-km-Durchgangszeit von 1:50:41 Std. habe ich meinen Uraltrekord von Rheine-Elte vom 11. Mai 1991 um 5 Sekunden verbessert. Bei der 30-km-Marke stand die Uhr dann auf 2:13:20 Std. und damit um 22 Sekunden besser als beim 30-km-Lauf um den Kemnader See im August 1994.

 

Warum ich nach einem Marathon-Lauf meine Erlebnisse aufschreibe, weiß ich eigentlich nicht so genau. Vielleicht ist es der Gedanke, der dieses Rennen geprägt hat, näm­lich künftig nicht mehr an die Grenze gehen zu wollen, oder...?

 

Aber wie heißt es so schön: ,,Der Schmerz vergeht, aber der Stolz bleibt.“

Eine Nachbemerkung:

Zwischenzeitlich hat sich die Zahl meiner Marathonläufe auf 25 erhöht. Und ein Ultra-Lauf ist hinzugekommen, nämlich der lange Rennsteiglauf über 66,5 km. Noch ein einziges Mal habe ich es doch noch versucht, meine Marathonzeit zu verbessern, nämlich im Herbst 1995 am Baldeneysee in Essen. Eine Zeit von 3:07:41 Std. kam dabei heraus, 68 Sekunden schneller als in Steinfurt, eine heute unvorstellbare Zeit. Aber dann war endgültig Schluss. Im Ziel verkrampften nämlich nicht nur die Muskeln, sondern auch das Asthma meldete sich.

 

Ein Lauffreund, es war Thomas Kohrt, sagte einige Tage danach zu mir: „Du machst das wie Sergej Bubka.“ (Anmerkung: Das ist der herausragende Stabhochspringer der 90er Jahre, der sich Zentimeter für Zentimeter über die 6-m-Marke hinaushangelte.). Er meinte damit: „Ich finde es toll, wie Du Dich in ganz kleinen Schritten an Deine Grenzen herantastest.“ Das war für mich eine sehr schöne Anerkennung.

 

Mittlerweile ist viel passiert. Ich wohne nicht mehr in Hamm, sondern in Unna. Ich singe nicht mehr in der Paulus-Kantorei in Hamm, sondern in der Philipp-Nicolai-Kantorei in Unna, in meinem Leben gibt es jetzt Andrea und und und ... Aber ich laufe immer noch für die Lauffreunde Bönen, auch wenn ich gelegentlich mal beim Lauf Team Unna auftauche oder bei der TG Holzwickede.

 

Unna, im Mai 2003

Jürgen Korvin